Die Angst, gesehen zu werden – ein Erbe, kein Makel
- Milena Thöni

- vor 5 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Liebe Macherin
Es gibt eine Zahl, die mich einfach nicht loslässt und ich weiss, ich wiederhole mich: 1988.
Nicht das Jahr eines Krieges, einer Mondlandung, eines Börsencrashs. Sondern das Jahr, in dem Frauen in der Schweiz erstmals ohne die Zustimmung ihres Ehemannes ein Bankkonto eröffnen und arbeiten durften.
Bis dahin galt der Mann von Gesetzes wegen als «Oberhaupt der ehelichen Gemeinschaft», die Frau als «Gehilfin», zuständig für den Haushalt (Eidgenössische Kommission für Frauenfragen)..
1988. Das ist nicht das vorletzte Jahrhundert. Das ist die Lebenszeit unserer Mütter. Das war vor 38 Jahren!
Eine Frau, die heute sechzig ist, war eine erwachsene Person, bevor der Staat ihr zugestand, über ihr eigenes Geld zu verfügen. Und blicken wir noch etwas weiter zurück: Das Stimmrecht erhielten Schweizerinnen erst 1971, als eines der letzten Länder Europas. Der Kanton Appenzell Innerrhoden musste 1990 gerichtlich dazu gezwungen werden.
Ich erzähle das nicht, um Wunden aufzureissen. Ich erzähle es, weil es etwas erklärt, das wir sonst gerne als persönliches Defizit missverstehen.
Wir reden heute viel über weibliche Sichtbarkeit. Meist im Tonfall der (Selbst-)Ermahnung. «Zeig dich! Trau dich! Steh auf die Bühne!» Als wäre das Zögern, das so viele Frauen kennen, eine Frage mangelnder Disziplin. Ein Knopf, den man nur drücken müsste.
Aber vielleicht ist es das Gegenteil. Vielleicht ist dieses Zögern kein Makel, sondern ein Gedächtnis. Ein über Generationen weitergereichtes Wissen darüber, dass die Sichtbarkeit einer Frau lange nicht vorgesehen und mancherorts nicht ungefährlich war. Wer sich nicht zeigte, machte nichts falsch. Wer sich zeigte, riskierte etwas.
Kein Wunder also, dass Sichtbarkeit sich für viele von uns bis heute nicht leicht anfühlt. Erstaunlich wäre eher das Gegenteil.
Und hier kommt das eigentlich Tröstliche: In bester Gesellschaft sind wir ohnehin.
Barbra Streisand, eine der grössten Stimmen des 20. Jahrhunderts, vergass 1967 bei einem Konzert im New Yorker Central Park vor rund 135'000 Menschen ihren Text. Die Panik sass so tief, dass sie sich fast dreissig Jahre lang von der Live-Bühne fernhielt. Als sie 1994 zurückkehrte, tat sie es nie wieder ohne Teleprompter. Nicht nur für die Liedzeilen, auch für jede Anmoderation, jeden Scherz (CBS News; «My Name Is Barbra»).
Und Adele, deren Stimme Stadien füllt, sagt schlicht: «Ich habe Angst vor Publikum.» Vor beinahe jedem Auftritt kämpft sie mit Übelkeit; einmal floh sie über eine Feuertreppe, um einem Konzert zu entkommen (Rolling Stone).
Zwei Weltstars. Zwei Frauen, denen niemand mangelndes Talent unterstellen würde. Und doch: dieselbe Angst zu versagen.
Der Unterschied zwischen ihnen und jener Frau, die nie eine Bühne betritt, liegt nicht in der Abwesenheit von Angst. Er liegt in einem einzigen, leisen Entschluss: etwas zu bewegen.
Was mich zu einer Überzeugung bringt, die vielleicht quer steht zum Zeitgeist. Ich glaube nicht, dass Sichtbarkeit ein sinnvolles Ziel ist.
Wer sich vornimmt, «sichtbar zu sein», denkt an sich selbst, an die Wirkung, an das Urteil der anderen – und wird prompt steif. Was trägt, ist nicht das Bedürfnis, gesehen zu werden, sondern die Begeisterung für eine Sache, die grösser ist als man selbst. Die Sichtbarkeit folgt dann von allein. Sie ist die Nebenwirkung, nicht das Rezept.
Was das mit uns zu tun hat? 🎙️
Beim MACHERINNEN Backstage Podcast ist niemand allein mit dieser jahrhundertealten Zurückhaltung.
Denn hier gibt es keine leere Bühne, kein Rampenlicht, in das man allein hinaustreten müsste. Es gibt ein Gespräch. Ich sitze dir gegenüber, stelle die Fragen, halte den roten Faden, du erzählst. Nichts wird verkauft, nichts vorgeführt, keine Rede auswendig gelernt. Und was zur Sprache kommt, bestimmen wir vorher gemeinsam.
Sichtbarkeit zu zweit, so könnte man es nennen. Geführt, geschützt und gerade deshalb bewegend.
Der Podcast erscheint begleitend zu unserer TV-Serie MACHERINNEN Backstage, ab November national auf 3+, wo er auch angekündigt wird.
Falls dein Herz gerade «ja, aber…» flüstert: Denk an Streisand. Denk an Adele 🧡
Alle Infos:👉 [Zur Podcast-Landingpage]
We love to move und dürfen nicht müde werden, die Geschichten von Frauen zu erzählen!
Alles Liebe
Milena
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